Selbstbestimmt Leben – Und Sterben?

Selbstbestimmt Leben – Und Sterben?

Das Recht auf körperliche Selbstbestimmung ist einer der Kerngedanken der Menschenrechte, welche es zu schützen gilt. Diese Rechte können aber nicht bloß isoliert, sondern müssen im Konflikt mit anderen Menschenrechten betrachtet werden. Einen der schwierigsten Konflikte wollen wir nun in diesem Artikel-Projekt betrachten: Der Schutz des einzelnen Menschenlebens und das Recht auf körperliche Selbstbestimmung.

Die Debatte der letzten Wochen und Monate hat gezeigt, dass das Thema Sterbehilfe für viel Unsicherheit sorgt, insbesondere wenn es um genaue Informationen zu diesem Thema geht. Ungeachtet dessen sprachen sich 70 Prozent der befragten Personen in einer Forsa-Umfrage Anfang 2014 für ein Recht auf aktive Sterbehilfe aus. Die Bundesregierung hingegen, allen voran der Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU), möchte “jede geschäftsmäßige Hilfe zur Selbsttötung unter Strafe stellen”. Dabei sind insbesondere Vereine wie „Dignitas“ und „Sterbehilfe Deutschland“ ins Visier geraten, obwohl diese Organisationen lediglich assistierten Suizid ohne Gewinnstreben ermöglichen. Folglich wird es in den kommenden Monaten darum gehen, ob die Regelungen zur Sterbehilfe verschärft werden oder ob nicht sogar Möglichkeiten bestehen, welche eine Liberalisierung zulassen. Es wird somit über eine Grundsatzfrage der menschlichen Existenz zu diskutieren sein: Wie weit reicht das Selbstbestimmungsrecht des Menschen? Damit ihr euch auch an dieser Debatte beteiligen könnt, wollen wir euch das Thema nun näher bringen.

Was bedeutet „Sterbehilfe“ eigentlich?

Hinter dem Begriff der Sterbehilfe verbirgt sich nicht bloß eine einzelne Bedeutung, sondern eine Vielzahl an Definitionen, welche sowohl medizinischer als auch juristischer Natur sind. Die einzelnen Behandlungsarten lassen sich so anhand des Gesundheitszustandes der Patienten, ihrer geistigen Urteilsfähigkeit und der Behandlungsweise unterscheiden. Am bekanntesten ist die Differenzierung nach indirekter, passiver und aktiver Sterbehilfe. Diese Begrifflichkeit wird vom Deutschen Ethikrat als missverständlich und ideologisch aufgeladen kritisiert. Stattdessen wird verlangt zwischen „Sterbebegleitung”, “Therapie am Lebensende”, “Sterbenlassen”, “Beihilfe zur Selbsttötung” und “Tötung auf Verlangen” zu unterscheiden. Trotzdem möchten wir euch die gebräuchliche Terminologie hier kurz erläutern:

Indirekte Sterbehilfe »
Die indirekte Sterbehilfe orientiert sich eher an der Sterbebegleitung. Dies bedeutet, dass bei sterbenskranken Menschen das physische Leid gezielt durch den Einsatz von Medikamenten verringert werden soll und jeglicher Versuch der lebensverlängernden Behandlung unterlassen wird. Jedoch kann dabei durch den intensiven Gebrauch von schmerzlindernden Medikamenten, der Eintritt des Todes als unbeabsichtigte Nebenwirkung beschleunigt werden. 

Passive Sterbehilfe »
Die passive Sterbehilfe hingegen verzichtet auf jegliche weitere medizinische Eingriffe und lässt dem Sterbeprozess freien Lauf. Somit werden lebenserhaltende medizinische Maßnahmen, wie die maschinelle Beatmung beendet. Dies wird nicht als „aktiver“ Eingriff in den Sterbeprozess angesehen, da das Ziel einer Lebenserhaltung nun unterlassen wird und somit „passiv“ ist. Wichtig ist hier bei die 2009 eingeführte Patientenverfügung. In einer Patientenverfügung kann jede und jeder festlegen, ob und wie ärztliche Heileingriffe vorgenommen werden dürfen, wenn man sich selbst dazu nicht mehr äußern kann.

Aktive Sterbehilfe »
Die aktive Sterbehilfe wiederum, hat das einzige Ziel bei sterbenskranken Menschen den Tod vorzeitig herbeizuführen. Nachdem die Krankheitsbehandlung beendet wird, folgt eine medikamentöse Behandlung, die die Patienten tötet, obwohl jene grundsätzlich noch lebensfähig wären. Diese Form ist als „Tötung auf Verlangen“ (§ 216 StGB) ausdrücklich gesetzlich normiert und wird mit bis zu fünf Jahren Gefängnis bestraft.

Beihilfe zum Suizid »
Die Beihilfe zum Suizid ist in Deutschland grundsätzlich nicht strafbar. Dabei wird dem Patienten die Möglichkeit gegeben, sich selbst das Leben zu nehmen, indem eine andere Person ihm die Mittel für diese Tat bereitstellt. Die helfende Person kann sich aber wegen Verletzung des Waffenrechts oder des Betäubungsmittelgesetzes, sowie einer unterlassenen Hilfeleistung strafbar machen.

Wie sieht die Rechtslage in Deutschland aus?

Es bestehen bis jetzt nur wenige Gesetze, die Sterbehilfe regulieren. Der Bundesgerichtshof (BGH) hat 2010 ein Urteil gesprochen, welches als Rechtsgrundlage zur Rate gezogen wird und auch von der Bundesärztekammer übernommen wurde. So werden sowohl die indirekte, als auch die passive Sterbehilfe für straflos erklärt, aber nur im Falle, dass die betroffenen Personen in die Behandlung eingewilligt haben. Demgegenüber erklärt der BGH, dass die aktive Sterbehilfe nicht auf Grundlage der Einwilligung von Patienten erfolgen darf und folglich verboten bleibt.

Und nun? Verbieten oder erlauben?

In den folgenden Beiträgen wollen wir euch unterschiedliche Positionen und Perspektiven von Menschen aus verschiedenen Themenfeldern präsentieren, damit ihr euch ein Urteil über Sterbehilfe und die jeweiligen Konsequenzen für die menschliche Selbstbestimmung bilden könnt. Wir wollen hierzu informieren, damit nicht bloß die ältere Generation diese Debatte unter sich ausmacht. Die Stimmen junger Menschen sollte auch hier eine wichtige gesellschaftliche Rolle spielen und dafür sorgen, dass eine Lösung gefunden wird, mit der auch unsere Generation zufrieden sein kann.

Inhaltsverzeichnis

→ Einleitung – Was ist Sterbehilfe?

2. Christliche Perspektive – Die Nordkirche

3. Humanistische Perspektive – Der HVD

4. Mehr Freiheit am Lebensende – Die DGHS

5. Lebenserhaltung als Verpflichtung – Die BÄK

6. Rechtsphilosophische Sicht – Norbert Hoerster

7. Belgischer Blick – Die Jongsocialisten

8. Ansichten in der SPD (I) – Kerstin Griese

9. Ansichten in der SPD (II) – Ulf Kämpfer